Schamanen und sonstige Handwerker

Es ist, als ob die Natur den Innenraum von San Juan Bautista in Chamula zurückerobert hat. Im Kirchenschiff gibt es keine Bänke, der Marmorboden ist mit langen Kiefernnadeln bedeckt. Es ist, als ob wir eine Zeit neben unserer Zeit betreten haben. Im schummrigen Dämmerlicht aus hunderten Kerzen und einigen Lichtstrahlen, die durch die wenigen Fenster brechen, existiert eine andere Realität. An den Seitenwänden stehen tragbare Vitrinen diverser Heiliger, die mit Kiefernzweigen , bunten Girlanden und Luftballons geschmückt sind. Vor sich tragen sie Spiegel zur Abwehr böser Blicke und Geister. Vor ihnen knien Frauen vom Volk der Tzotzil in ihren traditionellen schwarzen Ziegenfellröcken und  Männer in ihren schwarzen und weißen Fell-Ponchos. Sie entzünden Kerzen und murmeln innige Gebete.

Der Altarraum ist förmlich zu gewuchert von Zweigen anderer Bäume, die ebenfalls mit Girlanden und bunten Luftballons geschmückt sind. Mittendrin eine kleine Vitrine mit dem Jesuskind. Ein Krippenspiel nach Indio-Art. Die Kirche ist lebendes Zeugnis für die einzigartige Religion der Chamulas. Der Ort  ist Johannes dem Täufer geweiht und doch so anders als Kirchen, wie wir sie kennen. Der synkretistische Glaube der Tzotzil von Chamula manifestiert sich in  einer Verbindung aus der Anbetung diverser Heiliger und  schamanistischer Rituale.

Der Platz vor der Kirche ist unterdessen Schauplatz einer besonderen Zeremonie. Der 26. Dezember ist der Tag der rituellen Amtsübergabe des Major Domus an seinen Nachfolger. Dabei handelt es sich nicht um den gewählten Bürgermeister des Ortes, sondern das spirituelle Oberhaupt der verschiedenen Clans. Er ist für die sozialen Belange der Gemeinschaft zuständig. Behutsam nähern sich die beiden Fraktionen mit Musik, Weihrauch und Böllerschüssen einander. Immer wieder geht die Gefolgschaft des Nachfolgers in die Knie und murmelt beschwörend ihr Gesuch. Einige tragen Tonfiguren, andere weitere Insignien der Macht. Schließlich treffen die beiden Gruppen aufeinander. Die Männer begrüßen sich mit Handschlag, die Frauen wiegenden Schrittes mit Blumenkörben fast wie in Trance. Ein einmaliges Erlebnis!

San Juan Chamula liegt 10 Kilometer nordwestlich von San Christobal de las Casas. In der Kirche herrscht striktes Fotografierverbot und auch innerhalb des Ortes ist man sehr darauf bedacht, nicht auf ein Bild gebannt zu werden. Wir haben den besten Guide, den man sich wünschen kann. Eigentlich hatten wir die Tour bereits für gestern geplant. Aber Fabian dirigierte uns sanft auf den heutigen Tag. Er wusste genau, warum – wie er uns später erzählte.

Wir fahren weiter in den Nachbarort Zinacantán, 8 Kilometer westlich von Chamula. Hier ist man weniger Fotoscheu. Dafür verirren sich auch weniger Touristen hierher. Bereits am Ortseingang warten einige junge Mädchen, um die Ankömmlinge in ihre Häuser einzuladen. Wir haben bereits ein Ziel. Wenige Straßen weiter warten Marie auf uns. Fabian hat einen Termin bei der Schamanin für uns arrangiert. Zunächst einmal wird er zum Einkaufen geschickt. Dem Medium sind die Kerzen ausgegangen. Dann geht es los. Unter ständigem Gemurmel ritueller Gebete wir der Körper des Klienten mit Holunderzweigen abgeschlagen. Dann folgen kreuzweise Berührungen mit den Kerzenbündeln. Den Abschluss bildet eine Art Salbung bestimmter Körperstellen mit einem wohlriechenden Öl. Abschließend betet die weise Frau vor dem üppig geschmückten Hausaltar mit den nun entzündeten Kerzen. Es sind 10 weiße und fünf grüne Kerzen, die weißen stehen für ein harmonisches Leben, die grünen für Erfolg im Beruf. Eine Reinigungszeremonie. Marie ist nicht nur Schamanin sondern arbeitet auch als Hebamme.

Auf diese Weise gereinigt und gestärkt, sind wir bereit für die nächste Etappe. Nachiq ist eine Textil-Kooperative mehrerer Familien. Der Chef des Hauses führt uns durch die Werkstätten. Hier arbeiten 13 Personen, weitere sind in Heimarbeit tätig. Die auf traditionellen Webstühlen gefertigten Stoffe werden teils maschinell, teils von Hand mit farbenfrohen Blumenmustern bestickt.

 

 

 

Ebenfalls zu dem Unternehmen gehört eine Blumenzucht. Unter den weithin das Erscheinungsbild des Ortes prägenden Plastikplanen wachsen vor allem Rosen, die landesweit exportiert werden. Zurzeit hat man allerdings Probleme mit einem Pilzbefall.

Am Nachmittag fährt uns Fabian zurück nach San Christobal de las Casas und dann rund 11 Kilometer weiter östlich nach Cruztón. Dieser Ort ist eine Hochburg der Schnapsbrenner. Pox (oder auch Posh) wird aus vergorenem Zuckerrohr, Mais und Weizen gebrannt und anschließend aromatisiert. Das heißt im Klartext: Einmal probieren reicht nicht, möglichst jede Variante von Mango bis Jamaika muss verkostet werden…

Guide:
Fabian Solorzano

Unterkunft:
Ganesha 5 de mayo
Avenida 5 de mayo #4, San Cristobal De Las Casas, Mexiko, 29240

Dieser Beitrag wurde unter Mexiko, Mittelamerika veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.