Zu Fuß über die Grenze

mm-2014-01-11--DSC_0002Pünktlich um acht holt uns das shared Taxi vor dem Hotel ab. Nach 28 Tagen endet heute unser Visum für Myanmar und wir wollen das Land erstmals auf dem Landweg verlassen. Geplant ist eine Fahrt zum Grenzort Myawaddy. Für die rund 150 Kilometer ist uns eine Fahrzeit von mindestens 5 Stunden als Minimum genannt worden. Es kann aber auch einen ganzen Tag dauern, wie uns gestern unser Guide Lay Shu erklärt hatte, als am späten Nachmittag einige schwer bepackte PKW unseren Weg kreuzten.

Nachdem unterwegs zwei weitere Fahrgäste aufgelesen worden sind, machen wir uns zügig auf den Weg. Die ersten 90 Kilometer kommen wir gut voran, die Straße ist asphaltiert und in passablem Zustand. Bei Gegenverkehr reicht der Platz halbwegs zum Ausweichen. Den ersten Kontrollposten erreichen wir in Kawkareik nach etwa drei Stunden. Dieser Teil des  Grenzgebiets darf von Ausländern offensichtlich nur mit Sondergenehmigung betreten werden. Für die einfache Durchfahrt wird diese vor Ort erteilt. Dazu überträgt ein Immigration-Officer unter ständiger Beobachtung eines Polizeibeamten am Nebentisch Namen, Pass- und Visa-Nummern Buchstabe für Buchstabe, Zahl für Zahl sorgfältig in ein großes Buch. Unser Fahrer muss zudem glaubhaft versichern, dass er uns auf direktem Weg zum Grenzort Myawaddy bringt. Die Wartezeit verkürzt ein weiterer Soldat der Immigration-Einheit, indem er uns stolz seinen Kampfhahn vorführt. Der wird von uns unverzüglich und unter dem Gelächter der Anwesenden „Immigration Chicken“ getauft. Als wir ihn fotografieren wollen, wird es uns allerdings höflich und mit ernsthaftem Gesichtsausdruck verboten. Außerdem weist man uns freundlich darauf hin, dass unser Visum heute abläuft. Aber kein Problem, jeder Tag länger koste 3 Dollar pro Person. Erst bei einer Überziehung von mehr als 30 Tagen erhöhe sich dieser Tagessatz auf 5 Dollar.

mm-2014-01-11--DSC_0003Kurz hinter dem Kontrollposten ist ein weiterer planmäßiger Stopp vorgesehen. Für das, was unserem Transportmittel nun bevorsteht, müssen Bremsen und Kühler auf Normaltemperatur gebracht werden. Entsprechend stehen an den Straßenrestaurants mit Wasser gefüllte aufgeschnittene Ölfässer und Gießkannen bereit. Unser Fahrer füllt den Kühler und übergießt die Bremsen mit kaltem Wasser. Nach einer Viertelstunde sind wir bereit. Jetzt folgt der spektakulärste Teil der Fahrt.

mm-2014-01-11--DSC_0009Auf den nächsten 45 Kilometern wird die Straße deutlich enger. Wenn uns jetzt ein LKW entgegenkäme, müsste man sich nicht nur über die Vorfahrt, sondern auch über einen entsprechenden Punkt zum Passieren einigen. Die Strecke schraubt sich in immer engeren Serpentinen den Berg hinauf. Nach wenigen Kilometern endet die Asphaltierung und es beginnt eine holprige Schotterpiste mit gewaltigen Schlaglöchern. Das drückt natürlich massiv auf die Reisegeschwindigkeit. Jetzt geht es häufig nur noch im Schritttempo voran. Immer wieder müssen überladene Schwerlaster überholt werden. Zum Glück kommen uns keine entgegen.

mm-2014-01-11--DSC_0007Von der Grenze aus landeinwärts sind im Moment nur ein paar Mopeds und zwei Eisverkäufer mit ihren beiwagenbestückten Motorrädern unterwegs. Sie fädeln sich in zum Teil haarsträubenden Manövern an uns und einigen mit Ausbesserungsarbeiten beschäftigten Straßenarbeitern vorbei. Der Zustand der Straße wechselt ständig zwischen zumindest einspurig asphaltiert bis haarsträubender Schotterpiste.

Nach weiteren knapp zwei Stunden ist das Gröbste geschafft und wir erreichen gegen 13.15 Uhr den nächsten Kontrollposten vor dem Dorf Thin Gan Nyi Naung. mm-2014-01-11--DSC_0015Auch hier wieder dieselbe Prozedur mit Pässen und einem großen Buch sowie der Beglaubigung durch unseren Fahrer. Eine Grenzbeamtin im schicken Nadelstreifenkostüm mit weißer Bluse mitten im roten Staub lässt es sich nicht nehmen, mit ihrem Handy Fotos von den exotischen Langnasen zu machen. Sie vermittelt uns das untrügliche Gefühl, einer seltenen Spezies anzugehören. Zurückfotografieren dürfen wir aber wieder nicht, wie sie uns lächelnd mit den Händen signalisiert. Besonders interessant finden die Grenzbeamten die zahlreichen Visas und Stempel in unseren Pässen. Immer wieder sind in dem aufgeregten Palaver Ländernamen zu vernehmen, was entweder zustimmendes Nicken oder heftige Diskussionen zur Folge hat. Und auch die nächste Generation soll dieses Ereignis miterleben. Einer der Grenzer holt seine 18 Monate alte Tochter, stellt sie vor uns auf ein Podest und lässt sie artig die Hand geben.

mm-2014-01-11--DSC_0016Nachdem nun alle Formalitäten erledigt sind, dürfen wir weiterfahren. Wieder mit der Auflage, nicht anzuhalten und zügig die Grenze zu erreichen. Zehn Minuten später ist dann trotzdem der nächste Stopp fällig. Bremsen und Kühler müssen wieder auf Normaltemperatur gebracht werden. Auf den folgenden Kilometern bergab gibt es dazu zahlreiche Gelegenheiten. Hinter jeder Biegung verspritzen blaue Schläuche fließend Wasser in die Landschaft. Unser Fahrer hat offensichtlich eine Stammstation. Kaum machen wir an der Hütte seines Vertrauens halt, hängt der erste Schlauch in den Felgen und zwei Frauen und ein Mann beginnen mit einer umfangreichen Wagenwäsche. Wir steigen aus dem Wagen und werden in einer Art Wartehäuschen mit frischem Tee versorgt. mm-2014-01-11--DSC_0019Nach einer Viertelstunde und der Bezahlung von 500 Kyat (0,50 US$) machen wir uns mit dem jetzt wieder blitzsauberen Auto auf den Rest der Strecke, die jetzt auch wieder asphaltiert ist. Die letzten Kilometer gleichen fast schon einem mehrspurigen Highway. Kurz vor 14 Uhr werden wir an der Zollstation in Myawaddy abgeliefert.

mm-2014-01-11--DSC_0024Für Ausländer gibt es einen eigenen Abfertigungsschalter. Wir werden in ein Zimmer gegeben und aufgefordert die Rücksäcke abzusetzen. Eine Kontrolle des Gepäcks findet aber nicht statt. Im Nebenzimmer erledigen drei weiß uniformierte Beamten die eigentlichen Formalitäten. Wie schon bei der Einreise am Flughafen von Mandalay sind die großen Bücher von vor zwei Jahren durch Computer ersetzt worden. Das Prozedere inklusive Foto mit der grenztypischen Logitech-Webcam unterscheidet sich nicht von dem an anderen internationalen Grenzen. Außer vielleicht mit dem Unterschied, dass man mit den Beamten hinter dem Schreibtisch sitzt und ihnen bei der Arbeit am Monitor zuschauen kann. Das geht alles recht fix, da wir die einzigen Ausreisewilligen um diese Zeit sind.

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Auf Nachfrage, wie viele Ausländer seit der hiesigen Grenzöffnung am 28. August 2013 die Möglichkeit zum Übertritt nach Thailand genutzt haben, erklärt man uns, etwa 3.000 seien es wohl bislang gewesen. Allerdings zählen dazu auch Thailänder im kleinen Grenzverkehr. Kein Wunder also, dass wir unterwegs als Rarität bestaunt wurden. Auf die erstaunte Feststellung, dass in unseren Pässen bereits zwei Visa für Myanmar sind, bekunden wir unsere Begeisterung für dieses Land und zeigen stolz unsere gewonnene Myanmar-Bier-Jacke. Das sorgt zusätzlich für Wirbel. Da wir zum Schluss nicht mehr genug Kronkorken für ein T-Shirt ertrinken konnten, verschenken wir zur Freude aller kurzerhand den Rest unserer Deckelsammlung.
mm-2014-01-11--DSC_0028Einige Meter weiter finden wir auf einem Plakat die Erklärung für die beiden Kontrollstationen im Grenzgebiet. Wir haben zwei Bereiche passiert, die zu den Gegenden gehören, die nach wie vor nur mit Sondergenehmigung besucht werden dürfen. Ohne uns weiter aufzuhalten gehen wir zu Fuß über die Friendship Bridge. Die Brücke über den Taungyin Fluss verbindet Myawaddy mit der am östlichen Ufer gelegenen thailändischen Stadt Mae Sot. Nach zehn schweißtreibenden Minuten sind wir am Grenzposten auf der anderen Seite. Auch dort ist die Wartezeit nur kurz, da es hier für Ausländer ebenfalls einen speziellen Schalter gibt. Die Schlange für den kleinen Grenzverkehr ist deutlich länger.

mm-2014-01-11--DSC_0032Eine Stunde nachdem wir am Grenzposten in Myawaddy abgesetzt wurden, sitzen wir schließlich in einem Sammeltaxi. Dieses bringt uns bis zur Einfahrt des drei Kilometer entfernten Flughafens, der derzeit nur von der Nok Air frequentiert wird. Für den nächsten Flug nach Bangkok zwei Stunden später sind noch genau zwei Plätze frei. Glück gehabt. Den Weg von Hpa An nach Bangkok haben wir in weniger als 12 Stunden bewältigt. Bei unserer letzten Reise wäre ein Umweg über Yangon nötig und die Ausreise nur auf dem Luftweg möglich gewesen. Das hätte deutlich länger gedauert. Es hat sich vieles geändert in den letzten Monaten. Und dabei wird es nicht bleiben.

Für 2015 sind Neuwahlen angekündigt. Der derzeitige Reformerpräsident Thein Sein will nicht erneut antreten. Aung San Suu Kyi hat dagegen bereits ihre Kandidatur für die Präsidentschaft angekündigt. Es bleibt spannend in diesem Land. Wir werden wiederkommen. Dann wollen wir die Einreise am südlichsten Punkt des Landes von Thailand aus und im Norden die Ausreise nach Laos versuchen.

Unterkunft:
Buddy Lodge Hotel
265 Khaosan Rd., Taladyod Pranakorn, Khaosan / Grand Palace, Bangkok, Thailand

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