Die Saat der Piaf

„Oh Champs Elysees…“ klingt es aus einem Lokal auf dem Weg vor uns. Irritiert gehen wir weiter und stehen vor dem Graines de Piaf, eine „Bar musical“, wie das große Schild über dem Eingang verrät. Das macht neugierig. „Bonjour, entrez!“ ruft es von drinnen. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. An der Bar begrüßt uns Thierry Le Mesle, der Initiator und Eigentümer dieser gerade eröffneten Bar an der Funky Lane. „Das Restaurant im ersten Stock ist noch nicht ganz fertig und öffnet erst nächste Woche. Ich warte noch die Segnung durch die Mönche meines Klosters und den Umbau einer Treppe, damit sie europäischen Standards entspricht .“ plaudert Thierry munter drauflos.

Und dann beginnt er zu erzählen, von seinen Plänen für eine Begegnungsstätte für Französisch und Khmer sprechende Menschen. Die Chansons von Édith Piaf sind Köder und Samen zugleich, entweder von ihm selbst gesungen oder als Karaoke von interessierten Gästen. Er selbst ist als Sänger 12 Jahre durch Bars und Restaurants getingelt und zwischen Europa und Kambodscha gependelt, bis die Pandemie alles veränderte. Nach einer beschwerlichen Rückreise aus Frankreich, wartete er 20 Tage im Lockdown in einem Hotel in Phnom Penh auf die Wiedervereinigung mit seiner Familie. Während dieser Zeit entstand die Idee zu dem Projekt.

„Ich studierte das französischsprachige Musikwerk des kambodschanischen Königsvaters mit der etwas verrückten Idee, die Lieder ‚Rose de Phnom Penh‘ und ‚Monica‘ (eine Liebeserklärung an Prinzessin Monique) für meine Drehorgel zu adaptieren.“ Auf der Suche nach Noten kam er in Kontakt mit Prinz Thomico Sisowath, den er auch als Schirmherrn für ein sich daraus ergebendes Projekt nennt: Französisch-Unterricht für junge Khmer, finanziert durch einen Karaoke-Treff für die musikalische Völkerverständigung zwischen der französischen- und khmersprachigen Community.

„Sänger müssen Singen.“ Und weil die zahlbaren Gagen mangels zahlungskräftiger Touristen nach der Pandemie auf ein Drittel gefallen sind, hat Thierry kurzerhand seine eigene Bar mit Restaurant gegründet. Diese Art der Selbstermächtigung kommt mir bekannt vor, als Sprecher habe ich es ja nicht anders gemacht und meinen eigenen Verlag gegründet. Was für meine Profession die Bedrohung durch K.I. gesprochene Texte, ist für die Einheimischen hier die zunehmende Vereinnahmung des Landes durch chinesische Investoren. Ich glaube, sie sind wohl auch ein Grund, warum es für den 60jährigen Sänger an den ursprünglichen Auftrittsmöglichkeiten nicht mehr viel zu verdienen gibt. Wir haben es mehrfach auf unserer Reise von Einheimischen gehört. Es kommen zwar mittlerweile wieder Touristen, aber meist aus China. Die reisen mit einem neuen von China gebauten Hochgeschwindigkeitszug an, oder landen auf einem Flughafen „made by China“, bringen ihren eigenen Reiseführer mit und werden in von chinesischen Investoren gebauten Hotels untergebracht und verpflegt. Für die Einheimischen gibt es da nichts zu verdienen.

Der Flughafen Siem Reap-Angkor ist ein internationaler Flughafen in Kambodscha. Er liegt etwa 30 km östlich von Siem Reap und wurde im Oktober 2023 eröffnet. Er dient der Anbindung der Stadt Siem Reap und des UNESCO-Welterbes Angkor.

Der Bau des Flughafens kostete 1,1 Mrd. US-Dollar und begann 2020. Für den Bau verantwortlich waren chinesische Unternehmen, betrieben wird er von der staatlichen chinesischen Yunnan Aviation Industry Investment Group, nachdem das Unternehmen 2017 mit der kambodschanischen Regierung eine 55-jährige Konzession für den neuen Flughafen unterzeichnet hatte.

Parallel zur Eröffnung des Flughafens Siem Reap-Angkor wurde der alte Flughafen Siem Reap geschlossen.

Quelle: Wikipedia

Am Abend will uns Thierry eine Kostprobe seines Restaurants geben. Alle Zutaten kommen aus Kambodscha und werden handwerklich im Land hergestellt, wie er betont, nichts aus der Fabrik, nichts wird importiert, mit Ausnahme der französischen Weine und Spirituosen versteht sich. Er plant täglich nur zwei Gerichte auf die Karte zu setzen, eins aus der französischen, eins aus der Khmer-Küche. Und immer soll es eine kalte Platte geben.

Die Charcuterie serviert er uns auch heute Abend, wie es sich gehört nach einem Aperitif und einem Gruß aus der Küche. Die in Scheiben geschnittene Chipolatas geben einen Vorgeschmack auf das, was jetzt kommt. Sie werden von einem Metzger in Stung Treng nach Thierrys Rezept produziert.

Zu einem Glas Rot- bzw. Weißwein serviert er den „Aufschnitt“, die Charcuterie. Neben ein paar Scheiben Käse liegen gegrillter Bauchspeck, magerer kalter Braten und eine Leberpaté mit grünem Pfeffer aus Kampot auf dem Teller, sowie ein Schälchen mit einer Rillettes, wie ich sie aus der Bretagne schätzen gelernt habe. Einfach köstlich!

Käse schließt den Magen zu, habe ich schon als Kind in Frankreich gelernt. Und Thierry hat da etwas ganz Besonderes im Kühlschrank. Ein drei Wochen lang gereifter Camembert aus der Region Kampot auf kleinen Toastscheiben liegt plötzlich vor uns. Den Abschluss bildet dann noch ganz klassisch ein Digestif. Wir entscheiden uns für ein Glas Benedictine.

Dann, dann kommt der unterhaltsame Teil des Abends. Wir befinden uns schließlich in einer Karaoke Bar. Thierry fährt die Anlage hoch, schnappt sich das Mikro und beginnt mit „Armstrong“, einem Chanson von Claude Nougaro, der von Rassismus, Identität und Hoffnung handelt.

Armstrong, je ne suis pas noir,
Je suis blanc de peau
Quand on veut chanter l’espoir
Quel manque de pot !
Oui j’ai beau voir
le ciel, l’oiseau
Rien, rien ne lui là-haut.
Les anges, zéro
Je suis blanc de peau.

Armstrong, ich bin nicht schwarz,
Ich bin weiß in der Haut
Wenn man von Hoffnung singen will
Was für ein Pech!
Ja, ich sehe zwar den Himmel, den Vogel.
Nichts, nichts scheint dort oben.
die Engel, null.
Ich bin weiß von Haut.

Quelle. Armstrong (Claude Nougaro)

Danke Thierry, du kannst nicht wissen, dass das ein Thema berührt, mit dem auch ich in jüngster Zeit konfrontiert wurde, in Debatten, ob ein „weißer, alter Mann“ einen Schwarzen synchronisieren darf. … und in einem Hörbuch die alten weißen Männer der Faschismus-Analyse Leo Löwenthals aus den 1940ern von Ron Williams habe sprechen lassen, dem schwarzen Soldat der US-Army, der als Musiker, Kabarettist und Schauspieler in Deutschland eine Heimat fand.

Dann, das war ja wohl unvermeidlich, dann bin auch ich fällig. Thierry überredet mich, ebenfalls mein talent zu beweisen. Für einen französischen Chanson reichen meine Sprachkenntnisse nicht, also muss ein deutscher Stellvertreter her. Spontan kommt mir Reinhard Mey in den Sinn. Das passt in jedem Fall. Morgen endet unser Urlaub und wir fliegen zurück gen Deutschland:

Über den Wolken
Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein
Alle Ängste, alle Sorgen
Sagt man
Blieben darunter verborgen
Und dann
Würde was uns groß und wichtig erscheint
Plötzlich nichtig und klein.

Quelle: Über den Wolken (Reinhard Mey)

Essen & Trinken:
Graines de Piaf

Funky Lane
Krong Siem Reap
Siem Reap, Kambodscha

Unterkunft:
Rei Kandoeng Angkor

Ta Poul areas
Old French Quarter
Siem Reap, Kambodscha

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