Auf die Sekunde genau 45 Minuten vor Abfahrt des Zuges wird der Durchgang vom Wartebereich zum Bahnsteig geöffnet. Wir sind ja auch in Hanoi, das klingt schwäbisch, und bei denen geht angeblich auch alles immer auf die Minute. Natürlich erfolgt die Abfahrt pünktlich auf die Minute, nachdem alle Passagiere ihre Plätze gefunden und das Gepäck über ihren Köpfen oder zwischen den Beinen verstaut ist. Wir haben „Soft Seat Air Con“ gebucht, gepolsterte, aber auch schon ziemlich durchgesessene Sitze mit Klimaanlage im Abteil.
Dann geht alles ganz schnell und nach knapp hundert Metern Fahrt folgt das erste Highlight. Der Zug rumpelt zügig durch eine dunkle Straßenschlucht in der Altstadt von Hanoi. Dunkel, weil wir so nah an den gefühlt nur wenige Zentimeter entfernten Häuserwänden vorbeifahren. Immer wieder blitzen stroboskopisch Einblicke in Küchen und Wohnzimmer der Bewohner vorbei. Wenn der Zug nicht so schnell und die Fenster der Abteile nicht geschlossen wären, könnte man den Bewohnern problemlos das Essen vom Tisch stibitzen. Auf der linken Seite ist der Abstand ein wenig größer. Hier drängen sich die Train-Spotter an den Wänden und versuchen umgekehrt einen Blick in den Zug zu werfen.
Nach einer Stunde haben wir die Stadt verlassen. Kanäle, Bananenplantagen, Reisfelder, immer wieder Kirchen und ein das Neubaugebiet: Sun Urban City ziehen an den Fenstern vorbei Um 10 Uhr erreichen wir Phu Ly und die ersten Fahrgäste sind an ihrem Ziel. Es dauert nur wenige Minuten, dann fahren wir auch schon wieder. Die Strecke folgt nun einer Landstraße, entlang der sich einige Steinmetze angesiedelt haben.
Gegen 11 Uhr kommt dann am Bahnhof Nam Dinh Bewegung ins Abteil. Ein Drittel der Passagiere verlässt den Zug. Sie haben den Ausgangspunkt für ihre Exkursionen in die „trockene Halong Bucht“ Tam Coc und den Cuc Phuong Nationalpark erreicht. In den nächsten zwei Stunden fahren auch wir in gebührender Entfernung an den schroffen Kalkstein-Felsen vorbei, die nun die Landschaft prägen.
Zunächst verläuft die Weiterfahrt plangemäß, bis es in Cau Gia, rund 60 Kilometer von unserem Ziel entfernt zu einem längeren Stopp kommt. Der Grund: Ab hier wird die Strecke einspurig und wir müssen erst den Gegenzug durchlassen. Um 14 Uhr geht es endlich weiter. Die Gleise führen auf einer Böschung direkt durch die Reisfelder, die teils erntereif, teils frisch umgegraben und frisch bepflanzt an den Fenstern vorbeihuschen.
Um zehn nach drei erreicht der Wiedervereinigungsexpress schließlich 25 Minuten verspätet Vinh City. Bei einer Fahrzeit von sechs Stunden für die rund 300 Kilometer eine Verspätung, die vermutlich den Stopps aufgrund der einspurigen Gleisführung geschuldet ist. Die Aussichten während der Fahrt und ein Ticketpreis von 272.00 Dong (8,80 Euro) pro ausländischem Fahrgast sind es allemal wert.
Unterkunft:
Muong Thanh Grand Phuong Dong
2 Truong Thi,
Vinh, Vietnam

