Die Spinnwebfrauen der Chin

Nach einem kurzen Zwischenstopp  auf dem Markt von Mrauk U zwecks Proviantbesorgung geht’s  zunächst per Tuk Tuk ein Stück ins Landesinnere. Die halbstündige Fahrt über die ultimative Schlaglochpiste ist nichts für schwache Bandscheiben und führt vorbei an Reisfeldern, Ziegeleien und einem muslimischen Dorf zur Bootsanlegestelle am Lemro River. Es gibt drei Chin-Dörfer ca. 160 km westlich der Grenze zu Bangladesch,  die von Touristen besucht werden können. Allerdings nur per Boot und mit einem Führer.  Wir überzeugen Lathing, unseren Guide, mit dem dritten zu beginnen, da wir am Abend zuvor von zwei Australiern erfahren hatten, dass meist nur Zeit zum Besuch von zwei Dörfern ist.

Nach drei Stunden Bootsfahrt erreichen wir Choma, das womöglich seltener besuchte dritte Dorf. Der 52jährige Bürgermeister führt uns zum Dorfplatz.  Dort werden wir mit Kokosnüssen bewirtet  und den tätowierten Frauen vorgestellt. Die Frauen sind im Alter zwischen 62 und 75. Die Älteste erzählt, sie habe 10 Kinder, von denen vier bereits im Kleinkindalter starben und die übrigen sechs noch heute im Dorf wohnen. Die Tradition der Gesichtstätowierung endete in den 1980er Jahren. Bis dahin wurden die Mädchen im Alter von neun Jahren bzw. der ersten Regelblutung tätowiert. Dabei erfolgte die komplette Gesichtstätowierung in einer einzigen Sitzung an einem Tag.

Das Muster variiert von Dorf zu Dorf. Angeblich entstand dieser Initiationsritus aus einer Notlage. Vor einigen hundert Jahren wurde der Chin-Staat von Birmanen überfallen. Die Männer flohen und ließen ihre Frauen zurück. Um sie vor Raub und Vergewaltigung zu schützen, machten die Männer sie hässlich: sie tätowierten Spinnweben auf ihre Gesichter.

Heute sind die Spinnwebfrauen eine Attraktion für Touristen, die dem Dorf zu einem zusätzlichen Einkommen verhelfen. Im Dorf Choma bittet man um Geld für die örtliche Schule. Sie ist nicht staatlich und wird lediglich durch die Spenden finanziert. Noch sind es nicht viele Touristen, die sich hierher verirren, zumal dieser Teil Myanmars erst seit ein paar Jahren für Touristen zugänglich gemacht wurde.

Nach einer Stunde fahren wir flussabwärts weiter zum „zweiten“ Chin Dorf. Wir werden zu einer Versammlungshütte auf dem Dorfplatz geführt, die eigens zum Zweck der „Vorführung“ der tätowierten Frauen gebaut zu sein scheint.  Hier hat man sich offensichtlich schon besser auf die Vermarktung eingestellt und hält so die Touristen davon ab, unkontrolliert durchs Dorf zu laufen. Die Frauen nehmen an der gegenüberliegenden Seite des Tisches Platz und verteilen zunächst Bananen. Dann werden selbstgemachte Ketten auf dem Tisch ausgebreitet. Geschäft ist Geschäft. Natürlich gibt es auch in diesem Dorf ein Schulprojekt. Der Neubau ist schon fast fertig. Es fehlen nur noch die Bänke und auch ein Teil des Bodens ist noch nicht fertig. Spenden sind natürlich möglich…

Für den Besuch des „ersten“ Dorfes fehlt erwartungsgemäß die Zeit. Auch hier hätte es eine Schule gegeben, die von den Spenden der Touristen finanziert wird. Wir fahren zurück mit Boot und Tuk Tuk und erreichen Mrauk U kurz vor Sonnenuntergang. Mit den zwei Schweizern und den Australiern Aleesa und Dave treffen wir uns im Restaurant des Guesthouse zum Abendessen. Zum Abschluss spendiert Dave eine Runde Laphroaig, einen wunderbaren Single Malt Whiskey aus Islay…

Übernachtung:
Royal City Guest House
Minbar Gyi Road, Aung Datt, Mrauk Oo

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