X-mas am Golden Rock

Heute beginnt unsere Fahrt mit Kyaw durch Myanmar. Mit dem Auto soll es zunächst von Yangon nach Mandalay gehen.  Unser Guide und Fahrer  wartet bereits vor dem Hotel. Bereits wenige Kilometer vor der Stadt machen wir Halt. Kyaw deutet verschwörerisch auf die andere Straßenseite. Ich soll meine Kamera mitnehmen. Er will mir später erklären warum. Vor einem Heiligtum verkaufen zwei Frauen Blumen, die offensichtlich als Opfergaben dienen. Doch sie werden nicht zum Altar gebracht, sondern auf der Motorhaube und am Kühlergrill der davor stehenden Autos befestigt. Dann erscheint ein Schamane und besprenkelt die Wagen unter dem Absingen monotoner Gebete mit Wasser, während die Fahrzeuge bockig dreimal ein paar Zentimeter vor und zurück ruckeln. Des Rätsels Lösung: Neuwagenbesitzer, Taxifahrer und Geschäftsreisende kommen hierher, um ihre Fahrzeuge segnen zu lassen. Sie erhoffen sich unfallfreie Fahrten oder einfach nur gute Geschäfte mit den so gestärkten Autos. Eine Art animistischer TÜV also. I-Shwe Nyaung Bin (Golden Banyan Tree) heißt das Heiligtum.

Weiter geht die Fahrt, vorbei am Taukkyan War Cemetry, einem Friedhof für gefallene britische Solden im zweiten Weltkrieg.
In Bago beeindruckt zunächst Kyaikpun, die vier sitzenden Buddhas. Der Legende nach wurden sie von vier Schwestern gestiftet. Sie versprachen einander nicht zu heiraten. Sollte es eine dennoch tun, würde die ihr zugehörige Statue einstürzen. Tatsächlich brach der nach Norden schauende Buddha einige hundert Jahre nach dem Bau bei einem Erdbeben zusammen. Doch da waren die Stifterinnen schon lange tot. Oder hatte eine von ihnen doch heimlich geheiratet und es war erst jetzt herausgekommen? Wer weiß…

Nach einer Besichtigung des 2006 neu erbauten, 90 Meter langen und 21 Meter hohen liegenden Buddhas betreten wir die gegenüberliegende vierseitige Ananda Pagode, die im 16. Jahrhundert errichtet wurde. Nach einem weiteren Stopp an der Maha Kalyani Sima, dessen 1476 erbauter Thein (Ordinationshalle) zuletzt bei einem Erdbeben 1917 am stärksten zerstört und später wiederaufgebaut wurde, fahren wir zum größten Heiligtum von Bago. Die 114 Meter hohe Stupa der Shwemawdaw Pagode ist die höchste von Myanmar und übertrifft sogar die Shwedagon in Yangon um 14 Meter.

Die mautpflichtigen Straßen in Richtung Kyaikhto sind in einem guten Zustand, so dass wir gut vorankommen. An einem Checkpoint an der Grenze zum Bundesstaat Mon werden wieder einmal die Pässe und Visa kontrolliert. Geschah dies früher durch das Militär, so haben heute Einheiten der Polizei diese Aufgabe übernommen. Doch letztlich haben nur die Uniformen gewechselt. Aus Militärgrün wurde Blau, die kommandierenden Personen blieben die alten.

Gegen 14.30 Uhr erreichen wir Kimpun Camp, das erste Basislager für den Aufstieg zum Golden Rock. Hier heißt es Umsteigen. In einer Halle warten bereits zahlreiche LKW, auf deren Ladefläche hintereinander acht Bretter Platz für jeweils 6 Passagiere bieten. Sobald alle 48 Personen auf den provisorischen  Bänken Platz genommen haben, beginnt die rasante Fahrt. Mit bis zu vierzig km/h bezwingen die allradgetriebenen LKW die kurvenreiche Bergstrecke. Das ist wie eine Achterbahnfahrt ohne Haltebügel. Kein Wunder, dass die Fahrer erst starten, wenn die Ladefläche auch wirklich voll ist. So zusammengequetscht hält jeder jeden. Unterbrochen von einem kurzen Zahlstopp – der Transport kostet 1500 Kyat (1,5 €) – endet die Fahrt nach ungefähr 45 Minuten im zweiten Basislager, von dem aus es zu Fuß weitergeht. Nur Einheimische dürfen die gesamte Stecke bis ganz nach oben auf dem LKW fahren. Touristen haben die Wahl, sich für 20 US$ von vier Trägern auf  einer Art Sänfte bergauf schleppen zu lassen. Wir entscheiden uns tapfer für die klassische Pilgervariante, schultern die Rücksäcke – die man sich natürlich auch von geschäftstüchtigen Sherpas hätte hinaufschleppen lassen können – und zweifeln schon bald an unserem Wagemut. Der Anstieg ist verdammt steil. Da beruhigt es schon sehr, dass auch die Jugendlichen, die mit uns auf dem LKW saßen,  nicht viel schneller sind und ebenfalls zahlreiche Pausen einlegen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir schließlich völlig durchgeschwitzt das Kyaikhto Hotel unweit der Eingangspforte zum Golden Rock.

Auf dem Platz campieren bereits tausende Pilger, die wohl den ganzen Tag über hier eingetroffen sein müssen. Jetzt haben sie es sich auf Bambusmatten und mit Decken auf den Marmorfliesen des großen Platzes vor dem zentralen Heiligtum bequem gemacht. Der Wind it bereits empfindlich kühl, doch der einzigartigen Stimmung tut das kleinen Abbruch. Wir scheinen die einzigen Touristen zu sein, die sich um diese  Zeit unter die in der Mehrzahl jugendlichen Einheimischen gemischt haben. Es ist eine tiefe, ehrliche Frömmigkeit gepaart mit unbändiger Fröhlichkeit und Lebensfreude, die über allem spürbar ist. Es gibt keinen Platz, wo wir den Heiligen Abend in diesem Jahr sonst verbringen wollten – ein unvergessliches Erlebnis. Durch eine schmale Gasse kämpfen wir uns durch die Pilgerscharen und dann ist es endlich soweit: wir steigen die Stufen neben dem Golden Rock hinab, wo vor allem Frauen unterhalb des überhängenden Felsbrockens Räucherwerk opfern und ihre Gebete sprechen. Nur den Männern ist es erlaubt, über eine kleine Holzbrücke oberhalb zu dem Fels zu gelangen und diesen mit Blattgold zu belegen. Zurück im Hotel sitzen wir noch ein wenig im kühlen Wind auf der Terrasse neben unsrem Zimmer und genießen den Blick auf den Golden Rock, der wie ein Leuchtfeuer in die tiefschwarze Nacht scheint. Von den Menschenmassen auf dem Platz ist nur ein weit entferntes wogendes Murmeln zu hören. Und dass die vorgelagerten Pilgerheime bunt wie Disneyland flackern gehört einfach auch zu diesem Ort, wo Frömmigkeit und Lebensfreude in dieser Nacht zu einer unvergleichlichen Mischung fügten.

Übernachtung:
Kyaikhto Hotel
Near Kyaikhtoyo Pagoda, Kyaikto Township, Mon State

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