Der lange  Weg nach Angkor

Um 7:00 Uhr werden wir von einem Minibus vor unserem Hotel eingesammelt. Sechseinhalb Stunden Fahrt nach Siem Reap stehen uns bevor. Der Ford Transit ist schon etwas betagt. Der Aufkleber auf der Sonnenblende über dem Fahrersitz „ 100 km/h Geschwindigkeitsbegrenzung“ lässt vermuten, dass er vor einigen Jahren von Deutschland seinen Weg nach Laos gefunden hat. Die hintere Sitzreihe ist ausgebaut, um ausreichend Platz für das Gepäck zu schaffen. Statt maximal für 17 ist nun Platz für maximal 14 Passagiere.

Nach fünf Minuten Fahrt ist schon Schluss. Auf dem Markt beginnt ein längeres Aus- und Umladen diverser Pakete, die hier offensichtlich ihren Empfänger gefunden haben oder mitgenommen werden sollen. Noch sind neun Plätze frei im Bus, der Countdown läuft. Um 8:00 Uhr fahren wir schließlich los. Aufgrund der verspäteten Abfahrt schätzt Google Maps die Ankunft in Siem Reap jetzt auf 14:15 Uhr. Die ersten Mitfahrer steigen zu, aber der Wagen ist noch lange nicht voll.

Nach einer halben Stunde wendet der Fahrer plötzlich und fährt wieder zurück. Hat er was vergessen? Nach ein paar Minuten halten wir an einem Wat. Am Straßenrand steht ein Moped-Fahrer, sonst niemand. Kein weiterer Mitfahrer, so scheint es. Vielleicht ein Bote, der noch eine wichtige Lieferung auf den Weg bringen will? Oder etwas abholen soll? Hinten im Laderaum beginnt ein heftiges Umräumen. Der Mopedfahrer rollt sein Gefährt hinter den Wagen.

Dann… nein, das kann nicht sein. Doch. Das Motorrad wird hinten in den Wagen gewuchtet und mit einem Seil fest verzurrt. Schließlich steigt auch der Moped-Fahrer ein. Auf seinem T-Shirt prangt ein großer FC Bayern Aufnäher. Die Medien sind gerade voll mit Nachrufen auf den vorgestern verstorbenen Franz Beckenbauer. Und wir haben einen kambodschanischen Bayern-Fan an Bord. „Schau ma moi, dann seng ma‘s scho.“ „Passt scho.“

Jetzt können wir weiterfahren, endlich wieder in die richtige Richtung. Nach 20 Minuten dann noch ein kleiner Schlenker. Okay, damit war zu rechnen, es sind noch Plätze frei. Ein weiterer Passagier klettert nach hinten. Bis das Gepäck verstaut ist, nutze ich die Gelegenheit und kaufe ein paar gegrillte Bananen und Longans von einer Straßenhändlerin. Kaum sind wir ein paar Meter gefahren, steigt der Nächste ein. Ein junger Mann mit einer alten Schlagbohrmaschine nimmt in der Reihe hinter mir Platz.

Wenig später folgt die nächste Verzögerung. Unser Kleinbus ist forsch auf eine einspurige Brücke gefahren. Jetzt dauert eine Weile, bis sich die bereits auf der Brücke befindlichen Mopedfahrer an uns vorbei gefieselt haben. Der gleich forsch auf die Brücke gefahren ist.

Es ist mittlerweile 9:15 Uhr. Allzu weit sind wir noch nicht gekommen, es sind noch Plätze frei. Von den zwölf möglichen sind jetzt acht Plätze besetzt. Auch hinten im Laderaum wäre noch Platz – trotz des Mopeds.

20 Kilometer vor der Mekongbrücke bei Stueng Trang wechseln wir von einer Schotterpiste durch die Dörfer auf eine frisch asphaltierte Umgehungsstraße. Nach einer kurzen Pinkelpause für die Jungs auf einem abgeernteten Reisfeld geht’s dann wieder zurück auf die Hauptstraße, wo noch zwei weitere Passagiere darauf warten, von uns mitgenommen zu werden. Wir rumpeln noch ein wenig über die Dörfer, geben ein paar Pakete ab, dann geht’s wieder auf die asphaltierte neue Hauptstraße und über die Brücke.

Auf der anderen Seite sind zwei unserer Mitfahrer am Ziel, wieder mal ist gründliches Umräumen angesagt, bis ihre Rucksäcke gefunden und zwischen dem festgezurrten Moped nach draußen befördert werden können.

Nach einem weiteren Toilettenstopp für die Mädels an einem Café fahren wir um 10:30 Uhr endlich weiter: Noch 244 Kilometer (4 Stunden) bis Siem Reap. Leider nein. Die geschätzte Ankunftszeit hat sich laut Google-Maps um eine halbe Stunde verlängert. Prognostiziert wird jetzt 14:45 Uhr.

Gegen elf Uhr biegen wir auf die Nationalstraße 71, wo nach wenigen Kilometern eine halbstündige Pause in einem kleinen Restaurant am Rande der Straße eingelegt wird. Es ist bereits 12 Uhr Mittags, als wir, ergänzt um einen weiteren Passagier schließlich weiterfahren und den National Highway Nummer 6 erreichen, der direkt nach Siem Reap führt. Google Maps veranschlagt für die verbleibenden 184 Kilometer noch 3 Stunden und sollten Siem Reap nach neuester Schätzung um 15 Uhr erreichen, Das sollte machbar sein.

12:45 Uhr: Kurzer Zwischenstopp in Kampong Thom. Ein kleines Päckchen hat seinen Empfänger gefunden und wird durchs Beifahrerfenster gereicht. Unser Fahrer gibt Vollgas, die Straßenverhältnisse erlauben es, der Transit hoffentlich auch. Eintönige Felder, zwischendurch kleine Dörfer fliegen am Fenster vorbei.

Kleine Irritation an einer Einfahrt am Straßenrand. Da wo sonst grimmige Torwächter den Weg weisen, thront ein großer Fußball. Zu spät. Ich kann gar nicht so schnell meine Kamera in Position bringen, wie der schon wieder vorbei ist. Bei den Delfinen gestern hatte ich mehr Glück. Beim Blick zurück erkenne ich weiter hinten im Gelände kein Watt sondern die Tribüne eines Stadions.

Kurze Zeit später halten wir erneut auf freier Strecke. Der Bayern-Fan signalisiert nach vorne, er will am nächsten Heustadel aussteigen. Ist er am Ziel angekommen? Nein, fünf Minuten später steigt er wieder ein und drückt schnell seine Zigarette aus. Sein kleines Bedürfnis hat er schnell für eine kurze Rauchpause genutzt.

Unser Fahrer ist zügig unterwegs. Auf dem breiten Highway kann er mühelos LKWs und gelegentlich auch andere Kleinbusse überholen, einen weißen Mercedes Kleinbus neueren Baujahrs überholt er mühelos. Selbst überholt zu werden, das geht ihm gegen die Ehre, auch wenn sein Ford Transit schon etwas älter sein dürfte. Es ist inzwischen 13:20 Uhr: Es sind noch 99 Kilometer bis zum Ziel, das gegen 15:00 Uhr erreichbar scheint.

Eine ereignislose Stunde später – noch 34 Kilometern vor uns – erreichen wir und einige Pakete den Markt von Damdek. Es folgt zwangsläufig eine Korrektur der prognostizierten Ankunftszeit aufgrund des Zwischenstopps auf 15:10 Uhr.

Um mich herum wird es unruhig. Handys klingeln, Xylophone hämmern, ein Hund bellt. Irrtum, das ist nur der Klingelton vom Handy meines Sitznachbarn. Urplötzlich quäkt die Kambodschanerin vor mir los und plappert ohne Punkt und Komma wie ein Wasserfall in einer Lautstärke, mit der sie auch ohne Mikrofon die hintersten Ränge einer Arena erreichen könnte. Keine Ahnung, was sie so aufregt, worüber sie sich in ihrer, mir leider unverständlichen Sprache so aufregt. Es dauert eine Weile, bis ich bemerke, dass sie sich mit dem jungen Mann zwei Reihen hinter mir unterhalten hat.

Um 15:00 Uhr überqueren wir die Stadtgrenze., biegen schließlich in die Old -Bus-Station-Road ein. Gelegentlich machen wir Abstecher in schmale Seitengassen, setzen jemanden ab, fahren zurück auf die Straße, und so weiter und sofort. Der Kleinbus leert sich allmählich, als nächstes steigt die „Bohrmaschine“ aus, die Frau mit dem lauten Organ war vorher schon angekommen.

Ich verfolge den Schlingerkurs auf Google Maps. Zwischendurch kommen wir Immer mal wieder auf die Zielgerade zu unserem Hotel, biegen aber nochmals rechts ab. „In 900 m links abbiegen“. Stopp, wir halten wieder an. Jetzt ist unser Bayern-Fan am Ziel. Das Moped ist schneller ausgeladen, als man gucken kann.

„Route wird neu berechnet. Leicht links abbiegen.“ Leider nein. Nachdem die letzte Mitfahrerin an einem Hostel ausgestiegen ist, entlässt unser Fahrer uns an einem Tuk-Tuk Sammelplatz etwa einen Kilometer von unserem Hotel entfernt. Blitzschnell hat sich einer der Jungs unsere Rucksäcke auf sein Gefährt geladen und lässt sich von mir den Namen unseres Hotels in die Google Maps Navigation seines Handys tippen. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. In wenigen Minuten sind wir da und verhandeln mit ihm gleich den Preis für eine Tagestour zu den Haupt-Tempeln von Angkor Wat. Morgen früh kann’s weiter gehen…

Auch für die letzte Etappe machen wir am Abend alles klar. Die Buchung eines Flugs von Siam Reap nach Bangkok über die Air-Asia-App wollte gestern Abend einfach nicht gelingen. Eine weitere Busfahrt am Ende unserer Reise wollen wir uns ersparen …Nachdem auch noch das Stadtbüro  von Air Asia geschlossen war, bleibt nur noch der Besuch bei einem Reisebüro. An einem sind wir eben erst vorbeigekommen.

Die Mitarbeiterin von „Tiera Tour Siam Reap“ wiederholt mehrmals die von uns gewünschten Reisedaten und blickt konzentriert auf ihren Monitor. „Error“ … „Error“, auch  hier braucht es einige Anläufe bis ein Strahlen über La Nech‘s Gesicht huscht.. „I have different login!“ Jetzt hat’s geklappt….

Zurück im Hotel dann noch der Onlinekauf der 3-Tages-Tickets für den Besuch der Tempel von Angkor Wat. Passt. Alles erledigt, das Tagesziel wurde in jeder Hinsicht erreicht. Das luxuriöse Quartier für die nächsten Tage mit der Whirlpool-artigen Wanne im Zimmer haben wir uns redlich verdient. Wir hatten es tags zuvor mit einem Rabatt von über 70 Prozent auf den Normalpreis buchen können…

Fazit:

Was ist der Unterschied zwischen einem Minibus und einem Songthaew? Bei Letzterem wird das Gepäck auf dem Dach, in unserem Ford Transit heute wurde es hinter der letzten Sitzreihe verstaut. Im nach allen Seiten offenen für den Personenverkehr umgerüstet Pickup saßen wir wie die Hühner auf der Stange auf den Pritschen und ließen uns den Fahrtwind und die Abgase um die Nase wehen. Im Minibus saßen wir eingeklemmt auf den betagten Sitzen unter dem permanenten Strom der Kaltluft blasenden Klimaanlage. Beide Male gilt: Gefahren wird erst, wenn der Wagen voll ist. Unterwegs werden nicht nur weitere Mitreisende, sondern auch Pakete und Sendungen für diverse Empfänger entlang der Strecke entgegen genommen und ausgeliefert.

Und noch ein Unterschied zur Fahrt mit dem Songthaew vor zwei Tagen gibt es: die Straßen waren diesmal deutlich besser, sie waren  fast durchgehend asphaltiert. Kein Vergleich zu den Schotterpisten, über die wir vor zwei Tagen gerumpelt sind.

Und dann ist da noch die Sache mit der Schätzung der Fahrzeit. Mithilfe von Google Maps hat die meistens erstaunlich gut gestimmt. Mal abgesehen davon, dass heute die Unterbrechung für die Mittagspause nicht mit eingerechnet war. Aber woher sollte die KI das wissen? Die Simulation war der Realität des Fahrens dann doch nicht so ganz angepasst. Bei der Kalkulation der Fahrzeit von den Mekong Islands war das anders gewesen. Der Aufenthalt an den Grenzstationen waren offensichtlich mit einkalkuliert. Da hatte das Timing gestimmt.

Nachtrag:

Der heutige Tagesbericht erinnert mich an die Lösungstexte, die ich Anfang der Neunzigerjahre in Form von kleinen Kurzgeschichten für einige Sierra-Adventures (Larry Leisure, Kings Quest, etc.) geschrieben habe. „Go to Bus“, „Buy Banana“, „Take Picture“. Da fehlt eigentlich nur noch die jeweils erreichte Punktzahl. Natürlich ist kein Zwischenspeichern möglich, kein Neustart, keine Abkürzung. „Speichere frühzeitig, speichere häufig. Dann erreichst du das Ziel mit voller Punktzahl“. Ein war ein Live-Adventure inklusive Easter Eggs: ein plötzlich auftauchender Fußball zum Andenken an Franz Beckenbauer…

Unterkunft:
Rei Kandoeng Angkor

Ta Poul areas
Old French Quarter
Siem Reap, Kambodscha

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